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Karteikarten als symbolisches schlechtes Gewissen Anna, Heiligenstadt

Mein Wegbegleiter ist ein schlechtes Gewissen – genauer gesagt, ein Stapel Karteikarten mit polnischen Grammatikregeln, Konjugationen und Deklinationen. Dieses Päckchen symbolisiert für mich mein Verhältnis zu meiner Muttersprache, die ich nach der Übersiedlung nach Deutschland praktisch verlernt habe, und die ich doch eigentlich sprechen können sollte. Ich habe im Lauf eder Jahre immer mal wieder versucht, Polnisch zu lernen und zu sprechen, aber daraus ist nie etwas geworden.

Als ich in der Grundschule war, habe ich meiner Mutter zum Geburtstag einen Gutschein gebastelt: „Ich verspreche dir, dass ich zwei Tage in jedem Monat nur Polnisch reden werde.“ Das ist nie geschehen, aber meine Mutter hat den Gutschein aufbewahrt. 30 Jahre später fragt sie immer noch manchmal, wann sie ihn denn endlich einlösen könne.

Während des Studiums habe ich an der Universität einige Semester lang einen Polnisch-Kurs besucht. Ich habe die Arbeitsblätter zwar ordentlich bearbeitet, aber Polnisch gesprochen habe ich nach dem Kurs auch nicht. Alle Unterlagen aus diesem Kurs habe ich längst entsorgt, nur die Karteikarten mit den verschiedenen Deklinationen und Konjugation sind übriggeblieben. Ab und zu fallen sie mir in die Hand, bei Aufräumen zum Beispiel, und ich denke jedes Mal, die können weg. Polnisch werde ich ja wohl nie mehr sprechen. Und dann lege ich die Karteikarten zurück in die Schublade und behalte sie. Es könnte ja sein, dass ich in Zukunft einen weiteren Anlauf unternehme, meine Muttersprache zu lernen, und dann werde ich die Kärtchen brauchen.